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Selbstgesteuert Lernen - eine Utopie?! Teil 1 von 3

Wege zu einer neuen betrieblichen Lernkultur in zwei Etappen

Diese Artikelserie ist ein Teilergebnis meiner eigenen digitalen Lernreise, die 2017 begann und kontinuierlich weitergeht.  Ich habe bewusst auf die Verwendung wissenschaftlicher Konzepte verzichtet, die eher unreflektiert in mein Konzept eingeflossen sind. Als Lernexperte werden Sie ggf. Altbekanntes wiedererkennen.

 

Insbesondere dieser Teil 1 ist die reflektierte Erfahrung aus drei Jahren des selbstgesteuerten Lernens im digitalen Umfeld für digitales Geschäft. Also eine Abstrahierung von konkret Erlebtem und Durchlittenem, Induktion aus eigener Erfahrung. In Teil 3 werde ich genauer auf diese Lernreise eingehen und meine ganz persönlichen Erkenntnisse teilen, die sicher sowohl für Entscheider als auch betroffene „Digital Immigrants“ relevant sind.

 

[Spoiler] Die schlechte Nachricht vorneweg: 

Sowohl individuelles selbstgesteuertes Lernen als auch eine auf Selbstlernen fokussierte organisationale Lernkultur wird eine Utopie bleiben – auch wenn das Streben in diese derzeit als Ideal propagierte  Richtung sinnvoll ist und unaufhaltsam vor sich geht. Warum ich das so sehe, werde ich in Teil 2 genauer erläutern.

 

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, selbstgesteuertes Lernen stärker im Unternehmen und der Organisation zu verankern. Welche Ansätze sind hier hilfreich,  welche Fragen sind zu klären, welche Hindernisse stehen dem Fortschritt im Wege? Mit welchen Entscheidungen überwinden Sie diese Hindernisse? 

 

 Teil 1: Die acht Leitfragen des selbstgesteuert Lernenden - diese acht Aspekte bringen wir im lebenslangen Lernen in Balance - sonst klappt es nicht.

 

Teil 2: Wege zu mehr selbstgesteuertem Lernen in Organisationen - ich erörtere grundsätzliche Hindernisse für wirklich selbstgesteuertes Lernen in Organisationen - und Pfade, die trotzalledem erfolgversprechend gegangen werden.

 

Teil 3: Mein ganz persönlicher Erfahrungsbericht aus einer abwechslungsreichen Lernreise seit 2017 als Wegweiser, Mutmacher und Essenz. 

Was ist eigentlich selbstgesteuertes Lernen?

Wie bei vielen Buzzwords und Container-Begriffen zerstreiten sich die Experten bereits bei Begriffsdefinitionen. Ich steige hier nicht in den wissenschaftlichen Diskurs ein, sondern stelle fest, was ich darunter verstehe – aus der Perspektive einer Arbeits- und Organisationspsychologin mit 30 Jahren berufspraktischer pädagogisch-psychologischer Trainer- und Weiterbildner-Erfahrung:

 

Jegliches Lernen ist ans Individuum gebunden. Der Aneignungsprozess von Neuem, von Wissen, der Erwerb oder die Erweiterung von Handlungskompetenz sowie Einstellungsveränderung ist immer und ausschließlich selbstgesteuert. Das Gehirn „lernt“ ständig und zu großen Teilen OHNE Beteiligung unseres Bewusstseins. Wir können nicht „nicht lernen“.  Ich möchte hier jedoch nur den bewussten bzw. bewusstgemachten Anteil des Lernprozesses betrachten, da nur dieser für die organisationale Praxis relevant ist bzw. sein darf.

Insbesondere das Lernen über die Lebensspanne hinweg, das sog. lebenslange Lernen vollzieht sich immer und ausschließlich selbstgesteuert. Weiteres lesen Sie gern in diesem Blogartikel.

 

Für die Länge dieser Artikelserie hoffe ich, Sie folgen meiner Definition der vollständigen (Lern-)Handlung - ganz in der Tradition der Handlungsregulationstheorie nach Winfried Hacker:

 

"Selbstgesteuertes Lernen heißt:

Ich als Lernende/r bestimme zu 100% über mein Lernziel,

ich plane den Lernprozess, ich setze das Lernen um,

und ich überprüfe den Lernfortschritt – als Annäherung an mein Lernziel,

und passe mein Lernen ggf. an oder verändere mein Ziel.“ 

 

Und in dieser Perspektive entstehen acht wichtige Fragen, die der/ die Lernende beantworten und in Balance bringen sollte.

Die acht Fragen des selbstgesteuert Lernenden

1. Wie erfahre ich von Neuem in der Welt?

 Diese Frage scheint im Zeitalter der Informationsüberflutung überflüssig zu sein. Jedoch: Wie ist mein Informationsnetzwerk aufgebaut - erfahre ich auch von ungewöhnlichen, unangenehmen, komplexen Themen außerhalb meiner Interessens-Filterblase?

2. Relevanz

Wie finde ich heraus, ob ein neues Thema überhaupt relevant für mich ist?

Relevanz ist der Schlüssel zur Lernmotivation von Erwachsenen. Wenn es nicht relevant ist, werde ich mich nicht motivieren, dafür Lernaufwand zu betreiben. Was ist denn aber Relevanz? Das hängt im wesentlichen von Ihren Zielen ab. Alles was mir auf dem Weg zur Zielerreichung (noch) fehlt, könnte ein relevantes Lernthema sein (wenn ich es nicht anders organisiere). 

Bitte beachten Sie den feinen Unterscheid zwischen Interesse und Relevanz: Bin ich bereit, relevante Themen zu erlernen, auch wenn sie mich persönlich nicht so sehr interessieren?

3. Lernen

Wie erarbeite ich mir ein komplett neues Thema eigenständig? Welche Vorlieben und Präferenzen habe ich, welche davon sind besonders effektiv? Bin ich offen für experimentelle neue Lernformen oder digitales Lernen? Hier setzen viele Programme des "Lernen Lernen" an, die helfen herauszufinden, wie Sie am besten lernen und welche Erkenntnisse der Hirnforschung Ihnen beim effektiven Lernen helfen können. Das sind die wichtigsten:

  • Kleine Lerneinheiten
  • Erfolge wahrnehmen
  • Wiederholen und Üben
  • Mischung aus Erleben/ Fühlen, praktischem Tun, Theoretischer Erarbeitung und Reflexion des Gelernten

4. Infrastruktur

Wie organisiere ich Zeit, Geld, Raum für mein Lernen?

Auch selbstgesteuertes Lernen braucht Struktur - Lernen kostet Zeit, Geld und Lernen braucht einen Raum. Wir gestalten dies alles selbst. Ohne jegliche Struktur wird unser Lernen nicht nachhaltig sein.  Unsere Lernzeit kostet per se Geld, aber auch die Entscheidung für einen - evtl. - kostenpflichtigen Kurs liegt in unserer Entscheidung. Auch wenn wir dann stärker fremdgesteuert sind, da jemand anderes den Stoff und die Kursstruktur für uns vorgedacht hat. Insbesondere bei ganz neuen Themen sind wir meist darauf angewiesen, uns von Fachexperten anleiten zu lassen. Leseecke, Seminarraum, Bibliothek, Hörsaal oder Smartphone mit Kopfhörern - welchen Lernraum bevorzugen Sie? 


Diese vier Leitfragen helfen uns, das ein oder andere Lernprojekt erfolgreich abzuschliessen. Für die lange Spanne des lebenslangen Lernens braucht es vor allem - Motivation. Die Kenntnis über die relevanten Faktoren, die reflektierte Einsicht über die individuellen Stärken und Schwächen der eigenen Selbstmotivierung sowie Techniken, Kniffe und Fähigkeiten, diese Selbstmotivation immer wieder und über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Also, damit wir ein Leben lang erfolgreich und mit Freude selbstgesteuert lernen, sind diese weiteren vier Aspekte unabdingbar:

Lebenslanges selbstgesteuertes Lernen braucht einen langen Atem und Kenntnis über sich selbst

5. Ziel- und Ergebnis-offenheit

Wie gehe ich mit unsicherem Ergebnis und über eine längere Zeit unklarem Ziel um?

Die Verbindung zu einem persönlichen Ziel ist DAS Schlüsselkriterium für die Selbstmotivation. Daraus leiten wir weiter ab, was relevant ist und was nicht (Frage 2). Wenn also das klare Lernziel fehlt, ist das eine sehr fragile Motivationslage. Woran liegt das? Wenn ich mit einem vollkommen neuen Thema starte, ist mein persönliches Ergebnis unklar und wird sich erst im Laufe des Lernprozesses konkretisieren - abhängig von meinem Lernfortschritt und der sich ergebenden Relevanz für mich persönlich. Zwar wurde das Thema ggf. schon von vielen gemeistert, aber das sagt noch nichts darüber aus, ob das für uns auch so sein wird. Bei aktuell - für alle - neuen Themen in der Digitalisierung - fehlt es sogar an solchen Rollenmodellen.

6. Durchhalten

Wie gehe ich mit wechselnden Prioritäten und Motivationskurven um? Dies wird von Menschen als die größte Herausforderung beim selbstgesteuerten Lernen genannt. Das Durchhalten wird vor allem durch wechselnde Prioritäten und die bekannten Motivationskurven und -durchhänger auf eine harte Probe gestellt. Aber nicht nur ist die Frage: "Wie bleibe ich trotz veränderter Prioritäten dran?", sondern auch: "Unter welchen Umständen und nach welchen Kriterien verschiebe ich oder breche ich das Lernen zum Thema x ab?" Die bekannten hohen Abbruchraten in Online-Kursen bekommen aus dieser Perspektive eine positive Bedeutung: Es gab Wichtigeres im Leben des / der Lernenden.

7. Lern-fortschritte

Wie erkenne und dokumentiere ich meine Lernfortschritte?

Ein wichtiger Aspekt der Definition ist "Überprüfen des Lernfortschritts als Annäherung an mein Ziel". Bei Zieloffenheit (Frage 5) also ebenfalls schwierig, dennoch helfen Selbstbeobachtung, Tests/ Prüfungen und soziales Feedback bei der Einschätzung.

Bedenklich ist es, wenn Lernfortschrittskontrollen aufgrund missverstandener oder schlecht verarbeiteter Schulerfahrung vom Lernenden abgelehnt werden. Unser Gehirn braucht das Erfolgserlebnis, um langfristig dranzubleiben. Ohne Überprüfung fehlt Ihnen ein wichtiger Aspekt für erfolgreiche Selbststeuerung. Also, benoten Sie sich selbst und seien Sie stolz auf das Erreichte!


8. Wie erhalte ich Anerkennung für meine Lernergebnisse?

Der übergeordnete Nutzen der Lernanstrengungen Erwachsener ist die Realisierung beruflicher oder persönlicher Fortschritte oder Vorteile - Soziale Anerkennung ist hier das Vehikel. Meine Lernergebnisse sind nur nützlich, wenn sie sichtbar sind und im richtigen Kontext geteilt werden. Als Weitergabe von Wissen, als Darstellung mit tosendem Applaus, als umfangreicher Blogartikel usw. Hier ist der selbstgesteuert Lernende im Sinne eines guten Selbstmarketings in der Pflicht, die Lernergebnisse zugänglich zu machen, um den gewünschten Nutzen zu realisieren.

...und was ist daran jetzt eine Utopie?!

Für den individuell Lernenden wird beim Nachdenken über diese Fragen recht schnell klar, das ist ja wirklich aufwändig und bei komplexen, neuen Themen ist es meist nicht effizient, sich alles selbst zu erarbeiten im Sinne eines Autodidakten. Vielmehr suchen wir in unseren persönlichen und digitalen Netzwerken und durch Internetrecherche nach Hilfen, Lösungen - Unterstützung in Form von Expertenwissen, Kursen usw.

Wir entscheiden selbstgesteuert, dass wir uns fremdsteuern lassen, indem wir einen Einsteigerkurs in Künstlicher Intelligenz besuchen, bei dem wir noch nicht wissen können, ob dieser Kurs uns weiterbringen wird. Jemand hat für uns dieses Thema handhabbar in - für uns - verdauliche Häppchen in ansprechender Weise aufbereitet.

Für betriebliches Lernen gibt es noch klarere Herausforderungen - welches Unternehmen kann es sich finanziell leisten, dass die Mitarbeiter/-innen lernen, was, wie, wo, wann und mit wem sie wollen? Wie nehme ich als Unternehmen also Einfluss auf die Lernthemen der Mitarbeiter UND nutze gleichzeitig die besonders fragile selbstgesteuerte Lernmotivation? Geht das überhaupt?

Das werde ich im 2. Teil dieser Artikelserie beleuchten. 

Zwei wichtige Hinweise zum Schluss:

  1. Für Ihre weiteren Überlegungen habe ich ein Arbeitsblatt für Sie vorbereitet, auf das Sie Ihre Erkenntnisse und Umsetzungsschritte dokumentieren können.
  2. Schauen Sie sich die Aufzeichnung des 45-minütigen Online-Webseminars zum Thema an. Dieses habe ich auf der Vitero-Plattform zusammen mit meiner Kollegin Eva Biesel durchgeführt: 
    Interaktives Online-Webseminar "Selbstgesteuert Lernen - eine Utopie?!"
    Aufzeichnung vom 16. Dezember 2020

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